Wir wussten noch, wie Platinen riechen
Mein erster Computer war ein 286er. Mit Turbo-Button. Wenn man den gedrückt hat, lief die Kiste statt mit 12 MHz mit satten 25 MHz. Das war damals ein Geschwindigkeitsrausch. Heute hat meine Kaffeemaschine mehr Rechenleistung. Aber der 286er hat etwas, das keine Kaffeemaschine kann: Er hat mir das Denken beigebracht.

Und er hat gerochen. Wer in den 80ern und 90ern mit Hardware gearbeitet hat, weiß, wovon ich rede. Platinen riechen. Nach Lötzinn, nach warmem Kunststoff, nach Elektronik. Nach stundenlanger Arbeit hat der ganze Raum danach gerochen. Das war kein abstraktes Erlebnis — das war physisch. Informatik, die man anfassen konnte.
Büroinformationselektroniker — ein Beruf, den es nicht mehr gibt
Meine Ausbildung hieß „Büroinformationselektroniker“. Sag das heute jemandem, und du bekommst einen leeren Blick. Den Beruf gibt es nicht mehr. Er ist irgendwann in „IT-Systemelektroniker“ übergegangen, oder so ähnlich. Aber was wir da gelernt haben, war etwas völlig anderes als das, was heute in IT-Ausbildungen stattfindet.
Wir haben Mikroprozessoren programmiert. Den MCS-80/85 von Intel. Nicht in Python. Nicht in C. In Hex-Code. Direkt auf dem Chip. Du hast dir die Opcodes eingeprägt, die Mnemonics gelernt, und dann Byte für Byte dein Programm in den Speicher geschrieben.
Kein IDE. Kein Syntax-Highlighting. Kein Compiler, der dir sagt, wo der Fehler ist. Wenn der Code nicht lief, hast du den Hex-Dump ausgedruckt — auf Endlospapier, mit Perforation an den Seiten — und bist mit dem Finger jede Zeile durchgegangen. Stundenlang. Bis du den einen Dreher gefunden hast, der alles kaputt gemacht hat.
Das war frustrierend. Aber es hat mir etwas beigebracht, das mir bis heute hilft: Geduld beim Debuggen. Und die tiefe Überzeugung, dass der Fehler immer — wirklich immer — im eigenen Code liegt. Nicht im Compiler, nicht im Betriebssystem, nicht in der Hardware. In deinem Code.
Die Ära der Akustikkoppler
Für die Jüngeren: Ein Akustikkoppler war ein Gerät, auf das man einen Telefonhörer gelegt hat, um Daten zu übertragen. 300 Baud. Das sind ungefähr 30 Zeichen pro Sekunde. Du konntest buchstäblich zuschauen, wie der Text auf dem Bildschirm erschien, Buchstabe für Buchstabe.
Und du konntest dabei nicht telefonieren. Internet und Telefon teilten sich die Leitung. Wer online war, war für die Welt nicht erreichbar. Meine Mutter hat das gehasst.
Dann kamen die Modems. 14.400 Baud — das Einwahlgeräusch war die Hymne einer Generation. Dieses Rauschen, Piepsen, Kratzen — jeder, der es gehört hat, kann es heute noch nachahmen. 56k war dann Luxus. Endlich konnte man Bilder laden, ohne dass es wie eine Diashow aussah. Allerdings war die Telefonrechnung ein Albtraum, weil jede Online-Minute einen Ortstarif kostete.
ISDN war der nächste Meilenstein. Kanalbündelung — 128 kbit/s. Das fühlte sich an wie Lichtgeschwindigkeit. Und man konnte gleichzeitig telefonieren und surfen, auf verschiedenen Kanälen. Revolutionär.
AOL und der Moment, als alles anders wurde
Dann kam AOL. Die CDs lagen überall rum — in Zeitschriften, in Briefkästen, in Cornflakes-Packungen. „50 Stunden gratis!“ stand drauf. Plötzlich war das Internet nicht mehr etwas für Nerds. Plötzlich war es für alle.
Für mich war AOL eine Offenbarung und eine Enttäuschung gleichzeitig. Offenbarung, weil ich zum ersten Mal sah, wie viele Menschen sich für dieses Medium interessierten. Enttäuschung, weil AOL kein Internet war — es war eine geschlossene Welt, die sich wie Internet anfühlte. Ein goldener Käfig mit bunten Icons.
Aber es hat mir gezeigt, wohin die Reise geht. Weg von der Kommandozeile, hin zur Oberfläche. Weg vom Verstehen, hin zum Benutzen. Das war gleichzeitig der größte Fortschritt und der größte Verlust in der Geschichte der Informatik.
Der Moment, als PHP erschien
Mitte der 90er habe ich statische HTML-Seiten gebaut. Per Hand, im Texteditor. Frames waren der letzte Schrei. Besucherzähler auf der Startseite. Animierte GIFs. Die ästhetische Hölle, aber es hat funktioniert.
Dann bin ich über PHP gestolpert. PHP/FI hieß es damals noch — Personal Home Page / Forms Interpreter. Und plötzlich konnte ich Dinge tun, die vorher unmöglich waren: Formulare verarbeiten, Daten speichern, dynamische Seiten erzeugen. Nicht auf einem lokalen Rechner, sondern auf einem Server, für alle sichtbar.
Das war der Moment, in dem aus einem Hobby ein Beruf wurde. Ich wusste: Das ist die Zukunft. Nicht Hex-Code auf dem MCS-85. Nicht statische HTML-Seiten. Sondern dynamische Webanwendungen, die echte Probleme lösen. Der Sprung war gewaltig — von Maschinencode zu einer Sprache, die man lesen konnte. Von einem Prozessor, der in einem Kasten auf dem Tisch stand, zu einem Server, der irgendwo auf der Welt stand.
Von Spaghetti-Code zu OOP
Meine ersten PHP-Projekte waren eine Katastrophe. Alles in einer Datei. SQL-Queries direkt im HTML. Keine Trennung von Logik und Darstellung. Kein Plan, keine Architektur. Spaghetti-Code, wie aus dem Lehrbuch.
Dann lernte ich objektorientierte Programmierung. Erst in Java, dann in PHP 5. Und plötzlich machte alles Sinn. Klassen, Vererbung, Kapselung — das waren nicht nur akademische Konzepte. Das waren Werkzeuge, um Ordnung in das Chaos zu bringen, das meine Projekte geworden waren.
Der Sprung zu MVC-Frameworks war dann nur noch logisch. Symfony, zunächst als Bibliothek, dann als Framework. Und damit begann eine neue Ära: professionelle Softwareentwicklung statt Web-Bastelei. Design Patterns, Dependency Injection, automatisiertes Testing. Dinge, die ich in der Hex-Code-Ära für unmöglich gehalten hätte.
Nokia Snake und die Hosentasche
Mein erstes Handy konnte telefonieren und SMS. Das war alles. Nokia Snake war die Killer-App. Und ehrlich: Die Akkulaufzeit von zwei Wochen vermisse ich bis heute.
Der Sprung vom Nokia 3210 zum ersten Smartphone war größer als alles, was seitdem passiert ist. Plötzlich hatte man das gesamte Internet in der Hosentasche. Inklusive aller Probleme, die damit kommen: responsive Design, Touch-Interfaces, Offline-Fähigkeit, Push-Benachrichtigungen. Jedes davon eine eigene Welt, jedes davon eine eigene Lernkurve.
Was bleibt
Ich erzähle das nicht aus Nostalgie. Zumindest nicht nur. Ich erzähle das, weil mir dabei etwas auffällt: Die Neugier ist geblieben. Von Hex-Code auf dem MCS-85 über PHP/FI bis zu Symfony und KI-Assistenten — der Antrieb ist derselbe. Verstehen wollen, wie es funktioniert. Nicht nur benutzen — begreifen.
Das Werkzeug hat sich komplett verändert. Die Abstraktionsschichten sind so dick geworden, dass die Platine darunter unsichtbar ist. Aber die Grundlagen sind dieselben. Wer versteht, wie ein Prozessor auf Maschinencode-Ebene arbeitet, versteht auch, warum eine schlecht optimierte Datenbankabfrage den Server in die Knie zwingt. Wer mit 300 Baud Daten übertragen hat, schreibt heute anderen Code als jemand, der Bandbreite für selbstverständlich hält.
Die Basics ändern sich nie. Nur die Abstraktionsschichten darüber werden immer dicker.
Platinen riechen nicht mehr. Mein Arbeitsplatz riecht nach Kaffee und manchmal nach dem Waffelstand vor dem Fenster. Aber wenn ich an einem hartnäckigen Performance-Problem sitze und die Schichten einzeln abziehe — Framework, Runtime, Betriebssystem, Hardware — dann bin ich wieder der Azubi, der mit dem Finger den Hex-Dump durchgeht. Nur schneller. Und mit besserem Kaffee.
Die Neugier, die mich damals an den 286er gesetzt hat, ist dieselbe, die mich heute vor Claude sitzen lässt. Die Werkzeuge sind unendlich besser geworden. Aber der Kern ist derselbe: Ich will wissen, wie es funktioniert. Alles andere ergibt sich daraus.